BinWiederda
“Jaaa - er lebt noch”. Seit vorgestern Nacht wissen wir also, das Osama BinLaden noch am Leben ist und Empörung wird laut, wie er sich in den Wahlkampf einmischt, Zitatende. Den Höhlen ToraBoras (was beinahe wie Lummerland klingt) knapp entronnen, hält der Fürst der Finsterniss diesmal seine Ansprache direkt ans amerikanische Volk und übernimmt, Zitat, “zum ersten Mal direkt Verantwortung für die Anschläge vom 11. September” und gibt selbst den Schlüssel zum Ende des Terrors. Oder nicht?
Man muss kein Verschwörungstheoriefreund sein, um vom plötzlichen Auftauchens eines Videobandes so kurz vor der Wahl nicht wirklich überrascht zu sein. Die “Einmischung” in den Wahlkampf wird sogleich von allen Stationen als Ungeheuerlichkeit übernommen und das Band, vor einer AlJazeera Redaktion in Afganistan gefunden, im Loop abgespielt. Freilich steht kein Datum drauf und auch lassen die veröffentlichten Informationen den Zeitrahmen der Aufnahme auch nur in das Zeitfenster von dem Zeitpunkt an eingrenzen, wie klar war, das Kerry kandidiert, und das ist ja dann immerhin doch eine ganze Weile her. Das Auftauchen des Bandes jedoch könnte zu keinem besseren Zeitpunkt geschehen, drei Tage vor der Wahl: Genug Zeit, um in einem allerletzten großen Finale den Kampf gegen den Terror aktuell zu machen, zu wenig Zeit, um große Fragen zu stellen. Und wo früher Analysen Tage dauerten ist hier schon nach Stunden klar: Die CIA bestätigt, das Band ist echt. Doch vor der Frage, ob nun wirklich ein vermummter Bartträger war, der dem Sender hier das Band vor die Füße warf oder der Fund eines GIs, der nach eingehender Prüfung zufällig jetzt der Öffentlichkeit preisgegeben wird, stellt sich mir eine ganz andere Frage: Was will der Mensch Bin Laden? Was ist sein Ziel?
In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass es die amerikanische Lebensweise ist, die die Terroristen hassen, dass sie die Freiheit verachten und uns Ungläubige ausrotten wollen. Empörung machte sich über diese Monster breit, die direkt der Hölle enschlüpft sein müssen. Sind doch diese Gründe und Ziele so unfassbar und mit menschlicher Logik nicht zu verstehen, wir können nicht argumentieren. Terror des Terrors willen. Beobachtet man die Aufständischen im Irak, mag dies stimmen, doch diese sind letztlich nur vordergründig politisch motiviert. Der eigentliche Motor, der das irakischen Perpetuum mobiles der Zerstörung in Gang hält sind vielmehr kriminelle Ambitionen Einzelner, die hier geschickt mit Glauben und Politik jene verführen, die noch bis vor kurzem unter Husseins Regieme keinerlei Möglichkeit hatten, sich auszudrücken. So entläd sich unter dem Deckmantel des Islamismus der angestaute Hass der Jahre auf einen Schlag und ein Land versinkt mitsamt seinen ohnmächtigen Besatzern im Chaos.
Doch Bin Laden gehört nicht dazu, zwar treibt auch ihn Hass und Wut, doch agiert er “besonnener” und mit mehr Kalkühl, Kriegsherr, statt Krieger. Zum ersten mal hat er ausdrücklich die Verantwortung für den Terror vom September vor 3 Jahren übernommen. Die Idee mit den Türmen gekommen sei ihm gekommen, als er in Palästina von Israel zerstörte Hochhäuser sah. Und dann sagt dieser Mann, hinter dessen schmächtiger Figur man eher einen Ziegenhirten vermuten würde, etwas, was einen aufhorchen lässt. Nicht Kerry, nicht Bush, nicht AlQuaida hätten die Sicherheit der Amerikaner in der Hand, sondern einzig und allein das amerikananische Volk selbst. Dann sagt er wörtlich, dass jeder, der ihn und sein Volk in Ruhe leben lassen würde, auch selbst nichts fürchten müsse. Sein Zorn richte sich gegen die amerikanisch-zionistische Unterdrückung.
Schlüsselsätze, wenn man fassen können möchte, was einen Bin Laden zu seinem so verachtenswerten Terroristen machen. Der Hass auf unsere westliche Freiheit, von dem so gerne die Rede ist - davon spricht das AlQuaida Oberhaupt nicht. Es ist nicht der “Way Of Life” oder die Demokratie, die der Attentäter an uns hasst, diese ungreifbaren Dinge, mit denen auch die Gefahr des Terrors so ungreifbar wird. Es war der Anblick von Zerstörung und Leid, auf die Osama Bin Laden mit einer Vergeltung durch Selbes reagiert. Und ohne falsches Verständnis für den Täter vieler unmenschlicher und schrecklicher Attentate aufzubringen können wir hier auf einmal verstehen und greifen.
Als Konsequenz müssten wir reagieren, und genau das können wir auch erst jetzt, da wir diesen auf einmal konkret gewordenen Hass auf eine seltsame Art und Weise nachvollziehen können. Und unsere Reaktion müsste heißen, uns Westmächte aus Gebieten, territorial, wirtschaftlich und gesellschaftlich zurückzuziehen, die nicht uns gehören. Kooperation und Dialog statt Neoimperialismus. Doch sollen wir überhaupt darauf reagieren? Zumindest ist in den Zeitungen, auch in Europa, nichts zu lesen von diesem erstmals vom Terrorchef persönlich benannten und so grundlegenden und so wichtigen Grund für den Terror, dem streben nach Freiheit. Und dabei mussten mit dem Anschlag in Madrid auch wir Europäer schmerzlich lernen, dass man den Terror nicht bekämpfen kann. Die Gründe für den Terror jedoch sind bekämpfbar und müssen bekämpft werden, um dem fanatischen Islamismus den Nährboden zu nehmen.
Bleibt die Frage mit dem Video. Stimmt es, was Osama Bin Laden uns hier sagt, dann weiß er auch, dass es keinen besseren Nährboden für den Terror gibt, als die bisher verfolgte US-Politik der vergangenen Jahre. Geht es ihm also um Terror als Selbstzweck, muss Bush sein Wunschpräsident sein. Doch nehmen wir an, das AlQuaida Phänomen ist aus Wut von Unterdrückung und dem Wunsch nach Freiheit, in welcher abstrusen Definition auch immer, entstanden und seine Aussage, dass jeder, der sein Volk nicht bedrohen würde, auch selbst nichts fürchten müsse (was ja auch Andersgläubige und Demokratien einschließt), muss er Kerry bevorzugen. Dieser will ihm zwar auf selbe Weise an den Kragen, doch ist seine Politik liberaler und zumindest in kleinen Teilen eher Sinne Bin Ladens. Und nehmen wir weiter an, dass ihm dies bewusst ist, wäre es dumm, zum perfekten Zeitpunkt für die Gegenseite mit einem Video den Kurs des Amtsinhabers zu unterstützen. So bleibt die Ungewissheit - wann wurde dieses Video wo gefunden und was ist der Wortlaut? Eine vollständige, unzensierte Übersetzung des Textes ist von Nöten. Und das bald, die Zeit drängt.














