Bibelfest
Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als sie auf dem Rathausplatz standen. Mehrere orangefarbene Smartautos in einem wagenburgähnlichen Halbkreis. Darauf der Aufdruck Pussy Wagon “Christenmobil” oder ähnlich, auf der Seite stand “Wundern und erfahren” - oder ähnlich, keiner der Slogans blieb mir wörtlich im Gedächtnis. Mehrere graumelierte Herren standen herum, doch während ich gestern Abend für einen kurzen Moment ihre Wege kreuze, sprechen sie niemanden an.
Werbung für eine Religion ist eine komplizierte Sache. Damit möchte ich keine Grundsatzdiskussion beginnen, viel mehr frage ich mich, was nun konkret Aktionen wie diese bewirken können und sollen. Vermutlich möchte dir Kirche sich repräsentieren und junge Menschen ansprechen, doch ob ein paar Smarts damit viel Erfolg haben, möchte ich bezweifeln. Was hier gewungen als cool und modern verkauft wird, hat tatsächlich weder etwas mit Coolness zu tun, noch mit Modernität. Jeder Aufritt von Xavier Naidoo oder das Live8 Event spricht mehr Jugendliche an und lässt mehr Jugendliche sich mit religiösen Fragen beschäftigen, als alle orangenen Smarts dieser Welt.
Nein, keine Grundsatzdiskussion hatte ich gesagt. Dafür hatte ich ein weiteres biblisches Erlebnis. Einslive, der Jugendsender des WDR (gerade noch so gut, dass man im Büro besser diesen Sender hört, als in Stille die Zeit verstreichen zu lassen) spendiert den beiden großen Kirchen täglich circa 120 Sekunden Sendezeit. “Kirche in L1ve” nennen sich die kurzen Spots, die nicht alle prinzipiell schlecht sind. (Wer doch eine Grundsatzdiskussion führen möchte: man dann darüber streiten, ob die Spots nun eher christliche oder humanistische Werte propagieren, ob nicht das Eine aus dem Anderen erwachsen ist ob man die GEZ Gebühren zurückverlangen kann). Diese Spots jedenfalls erzählen in FastForward kurze Geschichten “nah am Menschen” mit Botschaft. Angelas, Lisas, Michaels und Toms werden da im Alltag klüger und reifer, es wird vergeben und verziehen was das Zeug hält. Und das Wichtigste: der Hörer gewinnt eine Botschaft.
Heute möchte mir jemand von der (sicher evangelischen) Kirche erzählen, dass die Bibel ganz und gar nicht prüde ist. Das wird dann auch gleich mit Vers irgendwas illustriert, in der doch tatsächlich die weibliche Brust wohlwollend verglichen wird. Poff- zack. Der saß. Wie konnte ich nur so blind sein! Völlig überzeugt, nein, die Bibel ist nicht prüde! Das wiederholte dann auch die Sprecherin und fügte hinzu: “Wer die Bibel an den Strand mitnimmt, muss mit geröteten Körperstellen rechnen.”
Liebe Redaktion,
es ist ja wirklich sehr löblich, “jugendorientierte” Radiospots zu produzieren, die euren zum Teil minderbemittelten wissensbegierigen Hörern vermitteln, dass Geiz nicht geil und dem anderen in die Fresse hauen keine Lösung ist. Und wenn nur 2 Zähne mehr dort bleiben, wo sie hingehören ist das ja schon ein Gewinn.
Aber bitte bitte denkt euch eure Texte in der realen Welt aus wenn ihr reale Menschen erreichen wollt. Wer nämlich die Bibel an den Stand mitnimmt wird definitiv gerötete Körperstellen bekommen. Und auch blaue und grüne, von den Unterstüflern, die einen dafür schlagen würde. Und überhaupt, wer von euch ist eigentlich auf die Idee gekommen, das “Buch der Bücher” unbedingt als sexy verkaufen zu wollen? Gabs da mal ein VHS Seminar oder warum sind alle jungdynamischen christlichen Jugendarbeiter und Oberstufenreligionslehrer so versessen auf dieses Thema? Mein ehemaliger Religionslehrer in der Oberstufe war auch so einer. Weil er an einer Augenkrankheit litt, mussten immer die Rolläden heruntergelassen werden und im schummrigen Licht versprach er uns dann so lange, bis das Jahr vorüber war, die “erotischen Liebesgedichte der Bibel”. Und was hat’s gebracht? Die Erkenntis meinerseits, dass außer dem Referierenden sich meist kein einziger für den Bibelsex interessiert. Warum auch.
Ihr Jungdynamischaufgeklärte Kirchenaktiven, bleibt bei euren Leisten.
Erstens kann man die Bibel einfach nicht als sexy verkaufen.
Zweitens gibt es für jedes tolle, moderne, ewigaktuelle Bibelzitat auch eines, das Mord und Totschlag propagiert, einen schönen Vers dann auf das ganze Werk zu übertragen kann dann ja wohl nur schief gehen.
Und drittens:Hat der Glaube ein leichtbegleidetes Covergirl nötig, das mit Silikon darüber hinwegtäuschen muss, dass es schon auf Seite zwei anfängt, kompliziert zu werden? Oder geht es nicht doch viel mehr darum, Werte zu vermitteln, die eben gerade nichts damit zu tun haben, dass man die Inhalte bis zu den Versen vorblättert, in denen es “cool und hip” um “Erotik” geht?
Die Bibel ist nicht “cool” und wird es auch nie sein. Muss sie aber auch nicht sein, man möchte laut “steht gefälligst zu eurem Produkt!” rufen. Aber das führte wohl nur doch zu einer Grundsatzdiskussion.















Am 12. Juli 2005 um 12:27 Uhr
Hm, an besagten Relilehrer mit Augenkrankheit kann ich mich noch dunkel erinnern ;)
Am 12. Juli 2005 um 13:45 Uhr
“Dunkel erinnern” - Zynikerin! :-)
Am 12. Juli 2005 um 18:35 Uhr
:D
Am 12. Juli 2005 um 19:06 Uhr
Was die Kirche angeht, würde ich dir (schlag mich) de Sade mal ans Herz legen. Auch wenn er sonst absolut krank ist - seine extremen standpunkte geben anstoß über ein paar dinge nachzudenken.
Warum die Kirche Sex in der Bibel sucht? Mag jetzt brutal klingen, aber ich denke das ist relativ simpel: Viele Menschen gehen zur Kirche weil sie Probleme mit ihrer Sexualität haben und sich dadurch “davonschleichen” wollen. Ernsthafte Gedanken an die Enthaltsamkeit sind aber nicht da. Das heißt, dass ihnen eine Auseinandersetzung mit sich selbst über Sexualität nicht erspart bleibt. Aber wie soll’n sie das machen, wo sie sich doch werten verschrieben haben, denen sie folgen müssen um ihr gesicht zu wahren?
Genau, sie sagen, sie seien innovativ. Denn Sexualität war nie wirklich ein Thema in der Kirche. Da aber alles nach Veränderung schreit, sehen viele ihre chance darin, eben auch etwas neues zu tun und so auch einmal über Sexualität reden können - über sinn oder unsinn lässt sich dann natürlich streiten…
lg aus wien,
andreas
p.s.: beim simspons schau’n schreiben geht nciht wirklcih gut, da verliert man so schnell den faden ;)
Am 12. Juli 2005 um 19:35 Uhr
Habe gerade ein Mail bekommen : “Götllich Abspecken mit Jesus. Die Jesus Diät! Ich glaub es nicht mehr