Dominik Schwarz - grenzschicht.com

Dominik Schwarz: grenzschicht.com

Slobodan und ich

Dominik Dominik sagt:

Schulblogger

Zu den seltsamsten Personen, die ich je in meinem Leben traf, gehören mit Gewissheit jene Menschen, die den staatlichen Auftrag hatten, mir die englische Sprache zu vermitteln. Vielleicht werden sie noch von jenen geschlagen, die mir die französische Sprache näherbringen wollten mussten, jedoch ist Kontinuität der Absurditäten im Englischunterricht meines Lebens geradezu enorm.

Es begannt in der fünften Klasse. Und es begann mit einer fünf. Herr R. war ein Urgestein, der bereits meine großen Schwestern unterrichtet hatte und vermutlich auch die hundert Jahrgänge davor. Ich war in der letzten Klasse seines Lebens wobei es genaugenommen schon mehr Rente als Unterricht war. Herr R. schrie gerne die Fünftklässler an, die etwas weniger konzentriert waren, und spuckte beim Sprechen auf Tische und Hefte. Beim Schreien noch viel mehr. Und er schrie recht gern, noch lieber fluchte er aber. Das wiederum gefiel uns, frisch der Grundschule entronnen, direkt mit dem harten Leben konfrontiert. Weil Herr R. eben schon mehr in Rente als noch im Beruf war, konnte er nicht mehr richtig gehen. Daher hatte er immer einen Stock dabei, mit dem er ein gelähmtes Bein ausglich. So lief er immer durch die Flure und Klassen - langsam hinkend auf einen Stock gestützt, schreiend, fluchend - und spuckend.

In der siebten Klasse dann einen anderen Lehrer. Sein Name fing mit einem B an. Oder irgendetwas mit D? Nein, ich glaube es war ein B. Namen verfliegen, andere Szenen sind aber bis heute geblieben. Zum Beispiel das Bild meines Heftes bei der Rückgabe, wann immer Herr B. es eingesammelt hatte. Prozentual siegte Rot wohl sogar über das weiß des Papieres und ganz gleich was ich machte, es änderte sich nie etwas daran. Auch Herr B fluchte gern. Und er schrie, allerdings im Gegensatz zu Herrn R. nicht nur diejenigen an, die anscheinend nicht aufmerksam genug waren, sondern willkürlich jeden. Er war Choleriker - aber wenigstens spuckte er nicht. Meine einzigen Erinnerungen an diese Zeit sind das Rot es Heftes und sein Geschrei. Ob er überhaupt mal etwas nettes gesagt hat, kann ich gar nicht sagen.

Es folgte eine kurze Zeit der anstandslosen Erholung. Ihren Namen habe ich leider nicht parat, was wir gemacht haben, daran kann ich mich auch nicht mehr erinnern, aber zum ersten Mal fand so etwas wie Pädagogik statt. Das war dann allerdings schon in der 10. Klasse und da ist es dann bei einem Großteil schon zu spät.

Auch die schönste Zeit vergeht und die 11. Klasse kam. Es war schon eine lustige Zeit mit Ihnen, Frau R. Was haben wir nicht gelacht, was haben wir nicht geweint. Beinahe ganz vorn saßen wir, Christian und ich, und folgtem Ihrem Unterricht beinahe immer gebannt. Klar, ihnen wird es nicht entgangen sein, dass wir jeden Ihrer Sätze kommentierten, aber sie müssen auch zugeben, dass sie theoretisch Unterricht hätten machen müssen. Natürlich, wir hatten immer viel Spaß bei Ihren Allgemeinbildungsquizrunden auf Deutsch, schließlich haben wir immer gewonnen. Und auch das Hasengedicht, dass sie so lockerflockig über Wochen mit uns besprachen, es war auf seine ganz besondere Art und Weise bestimmt schön und wenn Sie das Ganze in nachfolgenden Klassen dann auch noch auf Englisch machen, wirds bestimmt ein Knüller. Trotzdem dachten wir uns manches Mal “Mensch, vielleicht könnten Sie doch einfach mal… Unterricht machen!” Zum Beispiel Grandmaster Flash Raptexte hören und transkriptieren, das war ein guter Anfang in der schönen Doppelstunde Ende Dezember. Aber als Sie im Februar uns noch immer das selbe Lied in Stillarbeit anhören lassen haben, da - nunja - war einfach die Luft draussen. Einfach mal das Tempo ein wenig steigern, zum beispiel ZWEI Liedstrophen pro Monat besprechen. Wär doch echt mal ein Anfang.
Unvergessen ist natürlich auch Ihre Allgemeinbildungsoffensive. Das hat uns echt gefallen. Weil in Diskussionen immer nur Christian und ich mitgemacht haben, waren sie schockiert, dass Klasse so wenig weiß. Und sie als alter Hase wissen natürlich, Bildung wird hauptsächlich über das Fernsehen vermittelt. Sie gaben uns ab sofort Hausaufgaben. “Jeder schaut eine Reportage im Fernsehen an, dann sprechen wir drüber. Sie hatten uns auch gleich eine Auswahl der besten Fernsehsendungen kopiert. Ich wählte mir aus Ihren 10 Vorschlägen “Alltag im Schlachthaus” aus, ich habe viel gelernt. Und dann, immer Donnerstags, wenn wir die Ergebnisse der Allgemeinbildungsoffensive im Englischunterricht auf Deutsch besprochen haben, konnten wir alle von dem profitieren, was die anderen angeschaut hatten. Viel habe ich aus den Interessanten Dialogen gezogen, unvergessen bleibt:

Schülerin: Ich, ich hab auch noch etwas gesehen!
Sie: Ja?
Schülerin: Ja, eine Reportage!
Sie: Super, und was? Erzähl einfach mal!
Schülerin: Ja, also, da gings so um Männer, also Bergsteiger, die in nem Gebirge geklettert sind und da auf einen Berg sind.
Sie: Ah, und wo war das? In den Alpen, Himalaya…?
Schülerin: Ähm… keine Ahnung
Sie: Ah, okay. Ja, interessant! Super!

Ach Frau R., es war ne tolle Zeit bei Ihnen. An meinen Arbeiten klebten Gummibärchen, ihre persönlichen Geschichten wie die, dass sie Jahrelang Fleisch aus BSE-betroffenen gebieten gegessen haben ohne es zu wissen, haben mich tief bewegt und nicht zuletzt ist mein Filmhorizont maßgeblich erweitert worden. So wenig Zeit, so viele Klassiker! Gottseidank haben Sie sich nie mit Besprechungen aufgehalten, was natürlich bei auf Deutsch synchronisierten Filmen auch nun wirklich Blödsinn wäre. Nur Bowling for Columbine haben wir “im Original” angeschaut, also, nur mit Untertitel und so. Wissen Sie noch? Ich hatte Ihnen den Film empfohlen und schon Wochen später sagten Sie dann “ich habe einen tollen Film entdeckt, wir gehen ins Kino!”. Es war toll, Frau R.!

Frau W. war nicht so lustig wie Frau R. Vielleicht, weil es da schon ums Abitur ging. Vielleicht, weil sie einfach von Natur aus eher mies gelaunt war. Nicht, dass es nie lustig gewesen wäre, auch wenn sie es nie verstanden hat, warum wir jetzt lachten, für uns als Aussenstehende war es schon amüsant, wie sie vollen Ernstes mehrfach wiederholte, wenn sie sich zwischen Ihrem Mann und Ihrem Hund entscheiden müsste, würde sie sich für den Hund entscheiden. Und nicht, dass wir es nicht geglaubt hätten, denn so oft, wie Hund C. Bestandteil ihrer Erzählungen war, konnte es nicht anders sein. Auch Frau W. schrie gerne. Vielleicht lag es daran, dass die Schüler in der Zwischenzeit größer waren, vielleicht aber auch daran, dass Sie es schaffte, jede Möglichkeit ihre Autorität selbst zu untergraben zielsicher nutzte. “Dominik, du bist verwirrt, was redest du da” sagte Sie zu mir, als es an diesem Wirtschaftsgymnasium um das Thema Onlinemarketing ging. Dass das Kauferlebnis - die Spannung des Bietens - einen großen Teil des Erfolges von Ebay ausmachen würde hatte ich ihr zuvor gesagt. Aber vielleicht war Internet und all das Gschwerl einfach nicht ihr Ding. Vielleicht schaute sie auch deshalb eines Tages völlig verwirrt auf den ausgeschalteten Laptop eines Schülers und Fragte ihn nach Sekunden des Nachdenkens: “Michael, wie können Sie darauf überhaupt etwas erkennen?” Da wurde wie immer viel gelacht. Nur in Mal, da war alles plötzlich ganz still und mehrere Leute verschluckten sich übel, als sie versuchten, ein Losprusten zu verhindern: Das war, als Frau W. sich mit den Worten “ICH BEANTWORTE JETZT KEINE FRAGEN MEHR” die Hände auf die Ohren presste und sich für 10 Minuten unters Lehrerpult kauerte. Kurz darauf weigerte Sie sich das erste Mal, Unterricht zu halten. Aber bald darauf hatte ich diese Schule dann schon verlassen.

Und jetzt, jetzt bin ich schon wieder Schüler, habe wieder Englisch. Fachenglisch für Mediengestalter. Es wäre vermessen, jetzt ein Urteil über einen Menschen abzugeben, einen Englisch unterrichtenden wohlgemerkt. Trotzdem, da war so ein Satz Frau H., der mich aufhorchen lies, heute, in der allerersten Stunde mit Ihnen. Die Frage war, welches englischssprachige Land Ihr Lieblingsland sei und warum. Ihre Antwort war “Die USA. Wegen der Kultur und der tollen Sprachen. Oxfordenglisch ist viel zu niedlich.”

Die USA. Wegen der Kultur. Und der tollen Sprache. Die USA.
Da muss ich erst mal drüber schlafen.

Nachtrag: Ja, alles, aber wirklich alles obige ist tatsächlich in meinem Schülerleben passiert.

Nachtrag zwo: Ich habe ein altes Handyfoto gefunden. Motto: Wir haben eine Pädagogin versteckt. Unter dem Lehrertisch am Kopfende sitzt seit 10 Minuten Frau W. und hält sich die Ohren zu. Der schwarze Schatten vor dem blauen Stuhl ist ihr Kopf, links unten ihre Beine.

Auch eine Möglichkeit Geld zu verdienen.

Nachtrag drei: Da fällt mir doch spontan eine Grenzschichtunterseite ein, die bisher nicht online gegangen ist, aber schon seit Jahren in der Schublade liegt: DIE BILDUNGSOFFENSIVE! Mit erschütternden Originaldokumenten.

7 Reaktionen zu “Schulblogger”

  1. oll1

    Ja Dominik.
    Auch ich habe in meine Schulkarriere schon so einiges erlebt. Du bist da kein Einzelfall, das kann ich dir versichern. Ich habe leider nicht das vergnügen bei Frau W. Unterricht genießen zu dürfen, dennoch gehe ich davon aus, dass es noch einige andere Lehrer geben wird, die ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen.

    Gruß
    oll1

  2. Andreas

    what he says?

  3. Ridcully

    Warum saß sie unter dem Tisch?

  4. Dominik

    “Ich beantworte jetzt keine weiteren Fragen mehr”, sprach’s und ward nicht mehr gesehen.

  5. Schnurrbart

    Privatleben und Berufsleben gehören strikt getrennt wenn man von Bildung sprechen möchte.

    Und jetzt nochmal etwas für die Allgemeinbildung: Pädagoge kommt aus dem griechischen und bedeutet so viel wie beaufsichtigender Sklave.

  6. sibylle

    Ich dagegen liebe die USA vor allem wegen ihrer Friedfertigkeit, und der gemütlichen Altstädte in denen man so schön bummeln kann.

  7. @vatar

    genial!!! :)

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