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Dominik Schwarz: grenzschicht.com

Slobodan und ich

Dominik Dominik sagt:

Beobachter mit Z, zwölf Buchstaben

Meine Erfahrungen mit Zeugen Jehovas beschränken sich auf Partys, Küsse und Blowjobs. Aber beginnen wir von vorne.

“Klar sind die eine, das weiß doch jeder! Schau dir die doch nur an!”. Mit Nachdruck bestand Thomas darauf, Recht zu haben. Die Zeugen Jehovas seien als Sekte zu klassifizieren, ganz eindeutig. “Sind die nicht eher so eine Art Freikirche” murmelte es aus der sonst schweigenden Sofaecke, wo Judith genervt ihre Haare um Ihren Zeigefinger wickelte, “und überhaupt, ist doch auch scheißegal, lass uns gehen, ich bin müde!”. Thomas begann den Inhalt einer RTL Reportage über Sekten wiederzugeben.
“Ich weiß über die eigentlich garnichts” unterbrach ich ihn, “ich wurde noch nie von Ihnen auf der Straße oder an der Haustür angesprochen. Alles, was ich weiß, sind Partys, Küsse und Blowjobs. Aber das mag eine ganz persönliche Erfahrung sein…”

Der Tisch verstummte und Judiths Zeigefinger erstarrte in seiner Drehbewegung.

“Es ist schon einige Jahre her, es war zu einer anderen Zeit in einer anderen Stadt. Wir waren jung, wir waren dynamisch. Und ich war mit einem Zeugen Jeohova befreundet. Regelmäßig fuhren wir - wie es sich für junge und dynamische Männer des besten Alters gehört, zum Snowboard fahren in die Berge. In Wirklichkeit waren wir mehr jung denn dynamisch, doch dies soll durch den Mantel der Geschichte verklärt bleiben.
Wir haben nie über Religion gesprochen. Ich weiß nicht, ob dies erwähnenswerter ist als die Tatsache, dass wir auch nie über Quantenphysik, nie über Katenstreu und auch nie explizit über Kugelschreiber gesprochen haben. Dennoch möchte ich es erwähnen. Vielleicht lag es auch daran, dass man ihn nicht als Zeuge Jehovas erkannt hätte. Die immer modische Kleidung, das schlagfertige Mundwerk, seine rasche Auffassungsgabe und sein unerschütterliches Selbstbewusstsein passten gewiss nicht ins Bild des alten, biederen Herren, der an der Straßenecke den Wachturm in den Regen hält. Überhaupt, nie habe ich je mitbekommen, dass er Mitglieder hätte werben müssen. Ich machte lange Jahre Witze und fragte nach den aktuellen Prämien. Was es denn diese Woche für 5 neue Seelen gäbe, einen Toaster? Er lachte und stieg darauf ein und ich untersuchte eines Tages, als ich für einen Moment lang allein war, seine Küche: er hatte nur einen einzigen Toaster.
Dennoch war er Zeuge Jehova, definitiv. Mir ist nicht bekannt, ob es soetwas wie Besserzeugen gibt, doch wenn ja, dann war er wohl einer. Von Wachturm in der Fußgängerzone verkaufen keine Spur, doch der Familienurlaub führte regelmäßig nach Rom. Die Vereinsleitung bietete dort das Stadion und anstatt Fußball und Bier gab es eine Massentaufe erbauliche Lieder. Die Stimmung, sie sei mindestens genau so toll gewesen erzählte er später als er stolz die Fotos zeigte. “Hier, der Punkt da hinten links neben dem Wasserbecken, das bin ich.”. Warum auch nicht, dachte ich mir damals, immerhin war das wenigstens konstenlos, wäre ein Fußballspiel zur gleichen Jahreszeit gewesen, hätte der Lirapreis für ein Glas Wasser mit Hochstellen angeschrieben werden müssen.
Nicht nur er selbst, seine gesamte Familie bestand aus gutsituierten, gebildeten Menschen, gewiss nicht kulturlos. Dennoch glaubten Sie fest daran, dass die Evolutionstheorie Lüge ist, dass die Baustelle Universum tatsächlich nach sieben Tagen fertig war und dass sie lieber sterben als in Falle eines Unfalls fremdes Blut annehmen würden. Drumherum eine Potpourri konservativem bis seltsam anmutendem Regelwerk. “Du sollst höflich sein, du sollst keine Feste feiern, du sollst nicht masturbieren” stand in den kleinen Heftchen für die Jehovajugend und berichtete vom Teufel. All zu tiefen Eindruck schien der dann allerings auch nicht hinterlassen zu haben, denn dass mit höflich sein nicht das andere Geschlecht mit Charm zu erschlagen gemeint sein kann, war ihm bestimmt bewusst. Vom Rest ganz zu schweigen, war er doch derjenige, der die meisten Partys feierte und gab. Und ganz gewiss kann ihm niemand gewisse Cleverness abstreiten, wenn er das letzte Problem einfach in Form von aus Charm resultierenen Blowjobs lösen ließ - und damit immerhin 2 von drei Punkte ganz nach Regel erfüllte.

Die Zeiten änderten sich, man verlor sich aus den Augen. Nur noch ein Mal danach lernte ich einen Zeugen Jehova kennen, genauergesagt eine Zeugin. Es handelte sich u eine Freundin von ihm, die mich unter einem Grund, den ich längst vergessen habe, unbedingt treffen musste. Erst kurz zuvor hatten wir uns zufällig kennengelernt, ohne dass sie einen sonderlichen Eindruck auf mich gemacht hätte. Doch da ich sowieso auf dem Weg in die Stadt war, sagte ich zu. Es mag wohl zur vollen Stunde gewesen sein, dass wir uns verabredet hatten und gut 15 Minuten später, dass ich mich wieder allein auf dem Weg nach Hause befand. In der Zwischenzeit erzählte sie, dass sie 2 Flaschen harten Alkohol und eine 20er Packung Kondome gekauft hätte, diese nun schnell weg müssten, bevor es ihre Eltern merken würde, dass sie gestern so hackedichtgewesen wäre und sie es morgen wieder sein wolle, dass ihr Vater in A und ihre Mutter in B wohne, dass sie sturmfrei hätte und ob sie mich mal besuchen dürfe. Ich sprache währenddessen kein Wort, nicht nur weil ich perplex zuhörte, was die mir unbekannte Person gerade erzählte, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie garnie meine Antworten abwartete und einfach weiterredete - und dann plötzlich mich umarmte um mir einen Kuss auf die Lippen zu drücken und dann Bruchteile später entsetzt zurücksprang. Nein, nein, nein, das gehe nicht, scheiße man, sie dürfe nicht noch eine Affaire anfangen, es täte ihr leid, sie hätte das nicht tun sollen, was sei denn erst, wenn ihr Freund das rausbekomme, erst die beiden anderen, dann auch noch ich, nein, nein, das gehe nicht. Sie müsse nun auch gehen, sie wünsche mir was, verdammte scheiße, nicht noch einer.
Noch heute habe ich eine kleine Narbe von dem Baum, gegen den ich sprachlos und stumm der längst Entschwundenen nachblicken lief. Ich rief meinen guten Freund an und fragte, was es mit dieser Dame auf sich hätte. Ich legte auf, als er seinen Satz mit Ihrem Alter begann: 13. Mehr wollte ich bei Gott nicht wissen.

Einige Jahre sind vergangen. Nie wieder bin ich mit einem zeugen jeohova in Kontakt gekommen. Ich werde auf Ewigkeiten ein verzerrtes Bild in meinem Kopf haben. Wo andere an alte Herren, Wachtürme und Sekten denken, sehe ich bis heute Partys, Feiern und Blowjobs. Aber wie gesagt, das ist eine rein subjektive Erfahrung. Vermutlich garnicht echt repräsentantiv. Und das ist alles, was ich zum Thema Sekten zu sagen habe.”

Thomas nickte. Judith spielte an ihren Haaren. “Können wir nun end-lich fah-ren?”. Aber zu dem Zeitpunkt ging es bereits um viel wichtigere Themen. 9 Punkte Vorsprung, ob die noch eine Chance haben, Meister zu werden? Die Diskussion stand erst am Anfang.

5 Reaktionen zu “Beobachter mit Z, zwölf Buchstaben”

  1. andreas

    genialer text ;) meine erfahrungen mit den zeugen jehovas beschränken sich auf auf der straße singende jugendliche, die alle einen etwas vernebelten eindruck hinterlassen. meinungen aus dem mittelalter und gefährlich eingeschränkte meinungsfreiheiten was wissenschaftliche aspekte angeht.

    mit extremeren dingen wie man sie öfter von dieser sekte hört, hatte ich bis jetzt zum glück noch keinen kontakt. bis jetzt fielen sie mir auf, wie jede andere extrem ausgelebte religion auch. irgendwie fällt mir dabei immer nur ein:

    “Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.” - Karl Marx

    mfg, Andreas

  2. gooh

    Die Zeugen haben bei uns im Studentenwohnheim Hausverbot. Jeglicher Kontakt wird also schon im Vorfeld unterbunden :D

  3. Ridcully

    Hast du diesen Text verfasst ? frag nur weil ich rechtschreibfehler nicht von dir gewohnt bin

  4. Katja

    Du bist Rechtschreib- resp. Tippfehler von Dominik nicht GEWOHNT?? Mmh… selektive Wahrnehmung?

  5. Fe

    Ich habe noch nie bewusst einen Zeugen getroffen. Aber wenn deine Erfahrung repräsentativ sein sollte, dann muss ich mich mal näher damit befassen …

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