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Slobodan und ich

Dominik Dominik sagt:

Slobodan und ich

Heute wurde Slobodan Milosevic tot in seiner Zelle aufgefunden. Leider, denn das Prozessende stand kurz bevor und Opfern und Hinterbliebenen bleibt nun die formale Schuldsprechung als geringe aber oft notwendige Genugtuung verwehrt.

Bereits zur Amtszeit war der ehemalige Staatspräsident Jogoslawiens wegen Völkermord angeklagt, im Jahr 2000 wurde er gestürzt. Ein Jahr zuvor, zum Zeitpunkt des Kosovo-Krieges, war ich 14 Jahre alt und Schüler des Carl-Laemmle-Gymnasiums in Laupheim. Das ist lange her, wie es aber dazu kam, dass ein Lehrer mich dort mit Miilosevic verglich ist vielleicht eine der lebhaftesten Erinnerungen an diese Zeit.

Wie bei so vielen Schulen liegt ganz in der Nähe ein Bäcker, oft kleine Lädchen, die zur Pausenzeit mehr Schüler als Quadratmeter aufweisen. Auch in Laupheim ist das so, gelegen in einer Seitenstraße zwischen Schule und Parkplatz. Und wahrscheinlich zieht auch heute noch zu jeder Pause ein Pilgerstrom zu diesem Laden.
Auch im Juni 1999 war das so und ich mittendrin. Zusammen mit einem Schulfreund war ich auf dem Weg, als ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf die Tempo30-Zone (voller Schüler) zuhält. Begleitet von energischem Hupen nähert sich mit 50, vielleicht auch mehr Stundenkilometern, ein Auto. Der Fahrer ist ein Lehrer eben jenes Gymnasiums, er schein aufgebracht und verlangsamt seine Fahrt gerade nur so, wie nötig ist, dass die Schüler aus dem Weg springen können. Ich überquere hinter dem Wagen die Straße, schaue dem Auto hinterher und schüttle den Kopf. Beim Quietschen der Reifen betrete ich den Bäcker und zähle mein Geld.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Ist sie natürlich nicht, denn in dem Moment, in dem ich bestellen möchte stürmte der besagte Fahrer und Gymnasiallehrer zur Tür herein und packte mich sofort am Kragen und zog mich zu sich ran. 20 oder mehr Menschen im Bäckerladen wurden totenstill und er begann mich anzuschreien. Die Worte selbst habe ich vergessen, inhaltlich brüllte er so viel wie “wie ich dazu käme ihn zu beleidigen”, dass ich das “nie wieder” tun solle und “was ich mir eigentlich einbilde”. Was eigentlich genau los war, konnte ich nur ahnen, doch vor wenigen Monaten erst 14 geworden setzte ich ihm nichts entgegen und nickte. Er schrie noch ein mal “hast du das verstanden”, lies mich dann wieder los und stürmte wieder zur Tür heraus. Kurz darauf bestellte ich eine Butterbrezel.

Was eigentlich der Anlass war, das klärte sich erst kurz darauf. Zuhause hatte ich erzählt, was vorgefallen war und meine Vater, Oberlehrer an der benachbarten Realschule, erkannte mit geschultem pädagogischen Fachblick, dass anschreien, zupacken und rumbrüllen nicht unbedingt zu den allerbesten Erziehungsmethoden gehören, zumal ja noch immer niemand direkt wusste, wann ich den Herrn eigentlich beleidigt haben soll. Ein Telefonat sollte Licht ins Dunkel bringen, schließlich war bis dato ein solcher Vorfall noch nie aufgetreten, zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch tatsächlich noch Respekt vor dem Lehrer als solchem.

Auch hier könnte die Geschichte zu Ende sein, doch sie ist es nicht. Meine Mutter rief also besagten Herrn an, auf dass wir erfahren würden, was der Anlass dieses Ausfalls war. Sie erzählte, was ich sagte und hörte, was er sagte. Beleidigt habte ich ihn, “Spinner” soll ich ihm hinterhergerufen haben, daraufhin sei ich in den Bäckerladen geflüchtet. Meine Mutter dementiert dies, wird unterbrochen, ergreift das Wort, wird erneut unterbrochen, stellt klar, dass selbst wenn es so gewesen wäre, die Reaktion wohl kaum angemessen sei. “Sie lügen, Ihr Sohn lügt! Bei Ihnen geht es wohl zu, wie bei der Familie Milosevic” schreit der Pädagoge am anderen Ende der Leitung, das Gespräch muss kurz darauf abgebrochen werden.

Meine Eltern nehmen telefonisch Kontakt zur Schulleitung auf, kündigen eine Beschwerde an. Sie setzen einen Brief auf und telefonieren zum Bäckerladen. Milosevic, das ist in dieser Zeit das Topthema, der Balkankrieg, die entdeckten Völkermorde - ein socher Vergleich kann nicht auf sich sitzen gelassen werden. Der Protestbrief wird dem Sekretariat übergeben, der Konrektor verspricht, der Sache nachzugehen und sich zurückzumelden.

Sechs Jahre und neun Monate sind seither vergangen. Passiert ist nie etwas. Eine Rückmeldung, Konsequenzen oder gar eine Entschuldigung fehlt ebeno wie ein schlichtes Statement dieser Sache. Milosevicvergleiche, so könnte man böswillige Rückschlüsse ziehen - sind also durch die Schulleitung geduldet. Oder zumindest kein Anlass, sich mit den Betroffenen auseinanderzusetzen.

Jahre später, 2004, entdeckte ich das Briefdokument zufällig wieder. Ich habe wandelte es in ein .pdf um und stellte es auf online. Hier ist es bis heute zu finden und über die Suchmaschinen, die diese Seite finden, kommt immer wieder Kontakt zu CLG-Schülern zu Stande. Nur auf die Entschuldigung, auf die warte ich noch immer. Nehmen wir es doch einfach als ein gutes Zeichen: Die CLG-Chefetage prüft eben ganz ganz genau, dann kann das schon mal dauern.

Zur PISA-Seite auf Grenzschicht: Counter und Beschwerdebrief

Eine Reaktion zu “Slobodan und ich”

  1. Chris

    Also ich finde diese Geschichte gehört in EXPLOSIV. Wenn die so investigativ sind, bekommen die bestimmt den Lehrer vor die Kamera. Oder zumindest wird einer vor laufender Kamera überfahren.

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