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Slobodan und ich

Dominik Dominik sagt:

Dominik trifft im Kino auf einen verbitterten Star

Es begab sich zu einer Zeit, als ich in der Oberstufe den letzten Wochen meines Schülerdaseins in Ulm entgegensah. Ulm, Heimatstadt der Geschwister Scholl, gedachte dieser Tage dem traurigen Jubiläum der Hinrichtung Hans und Sophies. Aus diesem Anlass wurde der Oberstufe des Wirtschaftsgymnasiums der kollektive Kinobesuch verordnet um auch den tumbestens aller BWLer den Namen ins Gedächtnis zu brennen. Wie immer verbreitete sich die Kunde von “Ersatzunterricht” unter der Schülerschaft in Bruchteilen von Sekunden. Schüler der Parallelklasse freuten sich ob der wohl ausfallenden Klassenarbeit, die Sonne schien, der Himmel war wolkenlos. “Die weiße Rose” würden wir am nächsten Tag ansehen. Ich war gespannt.

Tatsächlich versammelten sich am nächsten Morgen knapp über 200 Schüler auf dem Gehsteig zwischen dem schulnahen Kino und einer Hauptverkehrsstraße. Der organisierende Lehrer dieser Organisation, nennen wir in W., W. also bahnte sich mit versunkendem Blick in die Ferne und organisatorisch vor sich hinmurmelnd von links nach rechts durch die Schülermassen nur um am anderen Ende des Pulks wieder umzukehren und sich erneut durch Taschen, Frühstückszeremonien und telefonierende Abiturienten zu kämpfen. Endlich, als ob es genau jetzt der richtige Zeitpunkt wäre und sie schweigend und ertragend diesen abgewartet hätten öffneten sich die Türen. Ein Schülerstrom ergoss sich durch das Foyer, zwei Stunden Film, lieber noch eine Cola und vielleicht doch die großen Chips, ich will aber hinten Sitzen, bleib hier, lass mich mit, ich muss noch schnell aufs Klo, jetzt dräng doch nicht so, aua - du hast mich getreten!, jetzt geht doch mal einer!
Ein gellender Pfiff, alle wieder nach draussen. Nein, nein so gehe es wahrlich nicht. Schön langsam und immer zu zweit reinkommen, schließlich muss gezählt werde, alle gehen hier entlang, KEINER geht dort drüben! So, und jetzt noch mal, wir sind ja schließlich nicht im Kindergarten.

Ich sitze. Hinten wird gekreischt, Mohammed, der angeblich in den Sommerferien seine Jugendstrafe absitzen muss, bringt eine Reihe weiter vorn überzeugende Argumente, warum es sein Platz ist. Links von mir mehrere Mädchen aus der Parallelklasse, sie packen aus Ihren 4You-Rucksäcken ihre Ordner und diskutieren im halbdunkeln über die Aufschriebe zu einer Klassenarbeit. Jahrmarktstimmung. Rechts von mir sitzt ein älterer Herr mit Hut. Grübelnd in sich versunken sitzt er da und erleidet die Schmerzen dieser Welt.

“Jetzt bleiben endlich alle mal dort sitzen wo sie sind, wir müssen durchzählen”! Diesmal hat er in seiner Funktion als Deutsch- und Geschichtslehrer sowie Kulturbewahrer, nein Kulturkämpfer, eine Referendarin zu Verstärkung mit. Stumm steht sie neben ihm während er nach Fassung und Luft japsend ein drittes mal die Reihen durchzählt. Als er neben mir steht und zum vierten Versuch ansetzen muss, weil erneut jemand von der Toilette kommt grummelt er ein bitteres Grummeln, “verdammte scheiße”!. Er betont dabei jede Silbe.

Mit einer Stunde Verspätung sitzen alle, sogar Ruhe kehrt ein. Jetzt, da es ja nun soweit wäre, sei der Augenblick gekommen, dass unser heutiger Gast vorab ein paar Worte sagen könne. Er begrüße recht herzlich den Regisseur, Herrn Verhoeven! Der neben mir in sich versunkene Mann mit Hut erhebt sich langsam, den ausbleibenden Applaus erwartend. Sekunden des Schweigen, ein Lehrer beginnt zu klatschen, die Masse zieht nach. Nun, er freue sich, heure hier zu sein, in Ulm. Der Film, genauer sein Film, nun, er sei zwar schon alt, aber schließlich habe er ja nichts an Bedeutung verloren und gerade -
eine Tür knallt, Sekundenbruchteile später knallt eine weitere Tür und die Flügel zum Kinosaal fliegen auf. “WAS WIRD DAS HIER? SO war das aber nicht abgemacht, so war das niemals abgesprochen, sofort raus hier, aber sofort!”
Herr Verhoeven zuckt zusammen und seine Bewegung friert im Wort ein. Mit offenem Mund blickt er zum hinteren Teil des Kinosaals, wo ein entzürnter Stufenleiter sich nicht erst jetzt in Rage geredet hat. Von wegen Klassenarbeit fällt aus, die Kinoveranstaltung sei natürlich nicht für alle, was würden sie sich einbilden! Klassenverband 11.3, sofort zurück in die Schule, aber sofort! Dreissig Schüler erheben sich und verlassen dem fluchenden Stufenleiter folgende geräuschvoll den Saal. Herr Verhoeven blickt fassungslos auf den ebenso schnell verschwindenden wie gekommenen Spuk. “Das war der Herr Schwabe, unser Stufenleiter” erklärt W., der organisierende Lehrer und fügt entschuldigend ein “Er hat sehr viel Stress” hinzu. Die verbleibenden Kinobesucher erneut durchzuzählen, darauf verzichtet er.
Herr Verhoeven sucht seinen Faden, verhaspelt sich und setzt sich mit einem “Sehen wir uns den Film an” wieder an seinen Platz.

Der Film selbst ist über 20 Jahre alt, 1982 gedreht. Von den Kritikern damals hochgelobt und sehr erfolgreich, im neuen Jahrtausend jedoch hoffnungslos veraltet. Nazis spucken grundsätzlich auf den Boden und blicken grimmig, Widerstandskämpfer haben gute Laune und Sonne im Herzen. Veraltet, überholt, platt mein Fazit damals. Nicht, dass ich nicht begrüßen würde, wenn Faschisten grundsätzlich schlechte Laune hätten und auf den Boden spucken würden. Der organisierte Faschismus hätte dann schon allein aus Gründen der Ästhetik keine Chance denn wer mag schon grimmige, spuckende Menschen. Wäre schön, wenn es so einfach wäre.

Zwei Stunden später ist es vorbei. Der Abspann beginnt und die verblieben Dreiviertel Schülermasse schmeißt die leeren Popcorntüten zu Boden, kramt nach Jacken und Taschen, die ersten stehen auf. “So, nun zur Fragerunde, Herr Verhoeven, sie haben das Wort”. Ein Raunen. Einige legen die Köpfe auf die auf Ihren Knien stehenden Schulranzen und schließen die Augen. “Fragen? Hat wer Fragen zum Film? Keiner”? Pause. Die Referendarin rettet und stellt eine Frage. Da niemand daran gedacht hat, ein Mikrofon zu organisieren, verstehe selbst ich, zwei reihen weiter hinten sitzend, weder die Frage, noch die Antwort darauf. Die Tür knallt erneut, ein junger Mann mit großer Kameratasche betritt den Saal. “Ich bin von der Schwäbischen Zeitung, wo soll ich jetzt ein Foto machen? Sie hatten ja gesagt, so um 11 Uhr, ist ja schon drüber jetzt, was?”. Bitte alle lächeln, cheeeeese, klack. Der Fotograf macht im immer noch abgedunkelten Kinosaal mehrere Fotos und verlässt den Ort des Geschehens.

Letzter Anlauf. “Nun, vor 20 Jahren war mein Film sehr erfolgreich. Wirklich sehr sehr erfolgreich. Viele Preise, viel gute Kritik. Wurde auch im Ausland gezeigt wirklich sehr erfolgreich. Vom Goethe-Institut. Es ist der erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten. Also bis jetzt. Damals…” Er senkt die Stimme und blickt zu Boden. “Heutzutage muss es ja eine “Komödie” sein”. Er pausiert, starrt regungslos auf den Boden vor sich und murmelt ins zwischenzeitlich herbeigeschaffte Mikrofon langgezogen und deutlich “…Absturz…”

Noch heute, Jahre später sind dies geflügelte Worte. Wann immer ich meinen Schulfreund aus diesen Tagen treffe kommt das Gespräch innerhalb kürzester Zeit an einen Punkt, an dem einer von uns beiden beginnt auf den Boden zu starren und “Absturz” murmelt. Und dann denken wir an Herrn Verhoeven. Wir hatten vergessen, wie er mit Vornamen heißt, deshalb nennen wir ihn Gerd. Erst später habe ich festgestellt, dass er Michael heißt, Dr. Michael sogar. Leid tut er mir bis heute, der Gerd. …Absturz…

6 Reaktionen zu “Dominik trifft im Kino auf einen verbitterten Star”

  1. Carolin

    verdammt, und ich musste Klassenarbeit schreiben *ärger*

  2. Schnurrbart

    Ziehe deiner Wege Star mit dem Hut.

  3. Chrissi

    Michael Verhööööeven hat uns damals mehr über das Leben beigebracht, als es 3 Jahre FLS vermochten.
    Ich bin mir fast sicher, dass er nach den damaligen Eindrücken von unserer Lehrerschaft und auch dem Publikum, wenigstens kurz daran dachte, eine Art schulisches Sozialdrama zu inszenieren.
    Übrigens ist er mit Senta Berger verheiratat, wer das ist, dass überlass ich der googlekundigen Leserschaft.

    Tribute to Gerd

  4. katha

    im ernst? das ist der mann von der? dann kennt ihr den sohn sicherlich auch…. die kamen vor gar nicht allzu langer zeit mal alle zusammen in ner late-night-talk-show…

    dominik magst du mir nicht verraten wer w. ist? war damals auch im kino aber komm grad beim besten willen nicht drauf….

  5. Carolin

    ich tippe auf Woerner :D

  6. Katja

    Dimo bedient sich bei “gedenken” des Dativs!

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