Sonny, I
Zwei Häuser weiter, das Bergelchen runter und dann gleich links. Keine 60 Sekunden zu rennen waren es. Und gerannt bin ich die Strecke eigentlich immer. Und oft bin ich gerannt, beinahe jeden Tag, gleich nach den Hausaufgaben. Sonny, hast du heute Zeit? Dann bis nachher!
Das Haus, in dem Sie lebte, war ein Entwurf Ihres Vaters, einem Architekten. Doch aus irgendwelchen Gründen wurde nie alles fertig. Garagen sollten entstehen, ein Teich sollte angelegt werden, doch eigentlich war und blieb alles immer eine Baustelle. Eine Baustelle, direkt hinter dem Lärmschutzwall, den wir eines Tages vom Anfang bis zum Ende durchforsteten - Indiana Jones ist Nichts dagegen. Überhaupt war sie nie so das typische Mädchen, ich bin mir auch nicht sicher, ob sie jemals Puppen besaß. Dafür eine Baustelle vor dem Haus, Playmobil en masse und mich als ihren besten Freund. Viele meiner Kindheitserinnerungen sind direkt mit ihr verbunden. Wir schauten gebannt Kickers, eine japanische Zeichentrickserie mit fußballbegeisterten Kindern, um danach selbst im Garten zu spielen. Dann war ich Mario, der Torwart. Oder wie spielten Nintendo. Entweder ein altes Motocross-Spiel oder Super Mario Kart auf dem brandneuen Super Nintendo im Zimmer ihrer Schwester. Und an einem Nachmittag spielten wir “Pirates Of Dark Water” durch. Komplett, vom ersten Level bis zum Abspann. Man konnte nicht speichern, also kannten wir die niederen Level auswendig. An diesem Tag hatten wir Glück und kamen weiter und weiter. Kurzer Anruf zu Hause, Mama, kann ich noch eine Weile bleiben, ja, super, weiter gehts. Irgendwann war auf dem Bildschirm zu lesen, dass wir nun alle Dinge gesammelt hätten, die wir sammeln mussten und das Spiel nun gewonnen sei. Es folgten die Namen der Programmierer, dann wurde wieder der Startbildschirm angezeigt. Und wir waren stolz, völlig verdient.
Ein paar Jahre zuvor hatte ich ein Bild gemalt. Ich hatte einen Zeichenblock, auf den ich New York City im Querschnitt malte. Oben Wolkenkratzer, in der Mitte die Straße und unten die U-Bahn. Der Platz reichte nicht, also klebte ich rechts ein Bild an und malte weiter. Sonny malte mit.
Zu der Zeit, als wir Pirates Of Dark Water spielten, war die Rolle vom “Langen Bild” wie es mittlerweile hieß um die 15 cm dick. Siebzig Blätter waren es bestimmt, vielleicht auch hundert. Und darauf waren duzende Länder gebannt. Miniland mit Zwergen, Tierland mit - suprise - Tieren, Wüstenländer, Eisländer, Bauernhofländer, Flugzeugländer, Wasserländer, Urwaldländer. Und in jedem Land waren wir zu Gast. Ich, mit einem roten Punkt über dem Kopf und Sonny mit dem gelben Punkt. Mit der U-Bahn fuhren wir von New York aus in die ganze Welt. Und das auch noch, als wir eigentlich viel zu alt für Kinderkram waren und die Grundschule längst verlassen hatten.
Das lange Bild ging irgendwann verloren. Es war einfach weg, vielleicht in Unachtsamkeit oder Ignoranz mit dem Altpapier entsorgt, vielleicht bis heute unter Kram und Zeugs versteckt. Und auch unsere Freundschaft ging auseinander. Die Grundschulzeit war endgültig vorbei und die Klassen und Interessen wurden Unterschiedliche. Für sie wurden dann doch irgendwann Jungs interessant und ich zu uncool und ich hingegen hatte keinen Bedarf, an meinem Leben etwas zu ändern, war Kind und kein Teenager. Die Kontakte wurden spärlicher und brachen irgendwann ganz ab. Und als ich dann auch noch die Schule verließ, hören und sahen wir uns gar nicht mehr. Aus den sechzig Sekunden war eine unüberbrückbare Distanz geworden und die Welten waren andere.
Letzteres Jahr habe ich sie besucht. Sie wohnte noch immer 2 Häuser weiter, das Bergelchen runter und dann gleich links. Ich bin die Strecke gerannt und es waren keine sechzig Sekunden. Ihr Hund sprang an mir hoch und jaulte vor Freude und sie freute sich auf ihre trockene Art nicht minder. Wir saßen im Keller, der Nintendo stand noch immer dort. Und auch der Tisch, das Licht, der Teppich, es war alles wie früher und hätte ich die Schubladen geöffnet wäre vermutlich die Schachtel mit den Buntstiften hervorgekommen.
Heute, liebe Sonja, feierst du deinen 21. Geburtstag. In jenem Keller wahrscheinlich, wie es immer war. Nur vielleicht ohne Süßigkeitenpäckchen von deiner Mutter.
Fürs neue Jahr wünsch ich einen Freifahrtschein für die U-Bahn und gute Fahrt. Pass auf dich auf, aber ich bin sicher, du machst das schon. Dich haut schließlich nichts um. Alles Gute!















Am 3. Juni 2006 um 23:30 Uhr
nein wie herzig… klingt ja nach einer sehr sympathischen person ;)
aber sowas is glaub ich typisch bei solchen freundschaften, zumindest gehts mir da ähnlich mit einigen leuten…
Am 4. Juni 2006 um 12:37 Uhr
Ich kann davon auch ein Lied singen. Man entwickelt sich halt weiter und das ist nicht unbedingt immer förderlich für die Freundschaft.
Sehr schön geschrieben und ich möchte hier auch alles Gute wünschen, so macht man das bei einer sympatischen Person ;)
Am 4. Juni 2006 um 19:37 Uhr
ich hatte auch nie puppen, dafür sieben riesige playmobilkisten und eine geheime hütte. damals in der clique mit jan, guido und sabine :-)
Am 5. Juni 2006 um 23:51 Uhr
*seufz*