Dominik Schwarz - grenzschicht.com

Dominik Schwarz: grenzschicht.com

Slobodan und ich

Dominik Dominik sagt:

Je m’appelle Marc

Frankophob
Pierre Roussel, Dämon meines frankophoben Seins.

Paris! La France! J’ai fait 4000 km pour venir ici. Et maintenant, je balaie les grands Boulevards. Oooh…..

Das ist alles. Mehr ist da nicht mehr bei mir, einfach alles weg. Oder gar nie dagewesen. Wisst ihr, ehrlich gesagt hab ich es nicht so mit Französisch.

In der siebten Klasse fing alles an. Nur kurz nach meinen ersten Fremdsprachenerfahrungen, die mich lehrten, dass sich nicht zu melden und sprechen die beste Methode ist, einen Fremdsprachenunterricht möglichst unbeschadet zu überstehen, kam auch schon das zweite linguistische Ungetüm in Form von Birkenstock auf mich zu. Die Birkenstock saßen am unteren Ende einer kleinen, runden Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie schrie beinahe nie und von vorne nach hinten kam jeder dran, ob er wollte oder nicht. “Dominik”, sagte sie dann jedes mal, “Dominik, du hast ja so eine tolle Aussprache!” und lächelte entzückt ein Lächeln in sich hinein. Überhaupt, Schüler, die gut waren und etwas konnten machten sie selig. Und die erste Zeit war super, ich kam mit, ich machte Fortschritte und ich glänzte mit meiner Aussprache. Dann endete der erste Schultag.

Lernen mussten wir aus denselben Büchern, mit denen dieselbe Lehrerin meine Schwestern bereits unterrichtet hatte, zur Älteren sind es übrigens 15 Jahre Abstand. Pierre, Christin, Marc und Nicole sind schlechte Siebzigerjahrefiguren mit falschen Körperproportionen, jede zweite Doppelseite nur in blau gedruckt. “Verdammt”, sagte ich damals, “warum soll ich mir von diesem Marc oder Pierre oder wieauchimmer, dessen Beine zu lang, dessen Finger zu kurz und dessen Gesichtszüge allenfalls das schreckliche Ergebnis der plastischen Chirurgie sind, warum sollte ich mir etwas von dieser blauen Pappnase sagen lassen?”. Ich gebe zu, zu diesem Zeitpunkt war ich bereits sehr verbittert.

Gute Schüler machten die kleine runde Frau selig und es gab durchaus gute Schüler. Zwei Freundinnen aus der vorletzten Reihe nahmen den Unterricht wohlwollend zur Kenntnis, hatten eine noch bessere Aussprache als ich und malten Muster in ihre Blöcke, während sie Einsen um Einsen schrieben. “Oh, ihr langweilt euch bestimmt”, sagte sie dann und zog Stoff vor. “Im Buch steht das jetzt zwar noch nicht, aber ich halte es für sinnvoller, das jetzt zu besprechen, es gibt ja auch schon genug, die es bereits kapiert haben.”

Dabei kann man nicht sagen, ich habe nicht gewollt. Vielmehr war ich tatsächlich lange voll von Eifer, hatte meine Hausaufgaben mit grandioser Verzierung teils sauber auf dem Computer getippt und meine Aussprache war toll. Und dennoch, es klappte einfach nicht und während die kleine, runde Frau und ihre Birkenstock die Plastiktüte mit den Apfelschnitzchen auspackte, verzweifelte ich und schrieb Fünfen und Sechsen. “Ach Dominik”, sagte sie dann, “hast du denn nicht gelernt?” Dann wechselte ich auf die Realschule und hatte zwei Jahre lang Technik, in denen ich mir wünschte, Französisch zu haben.

Später dann, wieder auf dem Gymnasium, hatte ich erneut keine Wahl. Französisch für Anfänger, ohne wenn und aber. Die Klasse war klein, 10 Leute. Die Frau war groß, trug richtige Schuhe und hatte Migräne. Am ersten Tag sagte sie: “Dominik, Sie sind gut! Hatten Sie schon ein mal Französisch?”. Ich sagte: “Nicht wirklich” und sie freute sich. Dann war der erste Tag zu Ende.

Im Kurs zwei Italiener. Sie malten Muster auf ihre Schulblöcke, während sie den Unterricht anerkannten und eine Eins nach der anderen schrieben. Die große Frau mit den richtigen Schuhen sagte dann oft genervt: “Jaja, schreiben Sie diesen Text ab” und hatte Migräne. Ich hatte keine, schrieb den Text ab und freute mich, wenn ich eine vier schaffte. Gelernt haben wir aus einem Buch mit Pierre, Christin, Marc und Nicole. Schlechten Siebzigerjahrefiguren mit falschen Körperproportionen, jede zweite Doppelseite nur in Blau gedruckt. Dann habe ich die Schule gewechselt.

Frankophob in blau und weiß

Machen wir es kurz: Ich hatte ein weiteres Mal Französischunterricht. Das war gar nicht so einfach, gab es doch schließlich keinen Französischlehrer an der Schule. Bei der Anmeldung war einfach keinem aufgefallen, dass ich zuvor kein Spanisch hatte, wie alle anderen. Es dauerte zwei Wochen, dann wurde meine Politiklehrerin dazu verdonnert, mir Französischunterricht zu erteilen. Von 150 Schülern hatte niemand Französisch. Außer mir.

Meine Politiklehrerin war groß, blond und stark bemüht, mit jeder Faser ihres Körpers auszustrahlen, dass sie, obwohl sie eine Frau ist, doch erfolgreich ist. Diese Bemühungen, weiblich und stark zu sein, nahmen aber so viel Ressourcen ihrer Kraft ein, dass sie, wenn sie sprach, mitten im Satz das Thema wechselte oder plötzlich nicht mehr reagierte. Erschwerend kam nicht nur hinzu, dass ich im Politikunterricht “korrigierend” wirkte, auch rein menschlich war sie jetzt nun nicht unbedingt die Person, die ich überhaupt kennen
möchte. “Dominik”, sagte sie in der ersten Stunde Einzelunterricht, “Ich habe keinen Bock, Sie sicher auch nicht, wir dürfen das eigentlich auch nicht, weil Sie eigentlich einen Lehrer haben müssten, aber es hilft ja nun nichts, das muss eben.” Sagte sie und kaute einen Kaugummi. Sie kaute immer Kaugummi. Und dann lernte ich Französisch. Mit Pierre, Christin, Marc und Nicole, schlechten Siebzigerjahrefiguren mit falschen Körperproportionen, jede zweite Doppelseite nur in Blau gedruckt. “Dominik, hatten Sie schon einmal Französisch?” Ich sagte nein und erreichte am Ende des Schuljahres mit knapper Not und einem großen Spickzettel eine Drei.

Ich habe drei Mal Französisch von Null an angefangen. Und wer sagt, es sei nichts geblieben, der lügt. Im blauen Band “Etudes Francaises - Echanges” gibt es auf Seite 11 oben rechts ein Bild von einem Straßenkehrer. Den Text dazu gibt es auch auf Kassette, ich habe ihn unzählige Male gehört. Er sagt, mit unheimlich tiefer Bassstimme:

“Paris! La France! J’ai fait 4000 km pour venir ici. Et maintenant, je balaie les grands Boulevards. Oooh..” Das ist alles. Das muss reichen.

Paris!

Lesetipp zum Thema:
Beitrag von vor einem Jahr zum Thema Englischlehrer meines Lebens

5 Reaktionen zu “Je m’appelle Marc”

  1. Chrissi

    Also wenn man das vergleichend mit unserem Englischunterricht liest, dann ist das zwar mindestens genauso tragisch und eindringlich existenziell, aber es war wenigstens lustig und man konnte noch glauben, dass irgendwo fernab des Schulgebäudes jemand die Kompetenz besäße, die unserer lehrerin abging - Prinzip: Energie kann nie verloren gehen. Nun sind wir beide schon etwas älter und hegen immer noch diese Illusion. Ich denke unsere Illusion war immer schon wirklicher als die Realität.

  2. Patrick

    Herrlich! =)

    Wir hatten eine Lehrerin mit starkem rheinischem Akzent, was die Sprache dann schon etwas auf den Kopf stellte. Habe nur Einser und Zweier geschrieben, aber dann trotzdem die Lust verloren, was ich heute irgendwie bereue. Auf der Unterrichts-Kassette war ein Dialog zwischen zwei Seemännern, den auch nach Jahren des aktiven Fremdsprachen-Lernens keiner verstand, weil Franzosen beim Sprechen ja bekanntlich alles weglassen, was irgendwie überflüssig sein könnte. Achja: Pierre und seine Freunde waren auch mit von der Partie.

  3. Carolin

    Irgendwie fühl ich mich bei Französischunterricht Teil 2 mitschuldig das du nicht gut warst…wäre der ruhige Russe neben uns nicht gewesen hätten wir wohl völlig versagt.

  4. katha

    lehrerin 1 die du nanntest ist mir die liebste ’störts euch wenn ich jetz veschpre?’ ‘nein’ *tütemitäpfelundtütemitbrotscheibenraushol*

  5. Tina

    Ha, ha, habe laut gelacht beim Lesen und mich in alte Zeiten, sprich in den Französicheunterricht bei Fr. H. zurückversetzt gefühlt. Übrigens: Das von dir so geschmähte Buch war in den 80er Jahren brandneu und ich gestehe, wir mochten es damals! Denn im Gegensatz zum Englischbuch (aus den späten 60er Jahren), das ganz in schwarz-weiß-türkis daherkam (Ich hassse türkis!), war im Französichbuch immerhin jede zweite Seite bunt, wenn auch die Frisuren der Protagonisten nicht unbedingt für französischen Chic standen. Ach ja, unvergessen ist natürlich auch “la cassette de Luc Tonerre”, die Nicole Roussel im elterlichen Hôtel-Restaurant pausenlos auf ihrem magnetophon rauf und runterdudelte, welches von ihrem Bruder Pierre permanent repariert werden musst. In diesem Sinne: Vive la France!

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