Das ist ein Klavier, das ist Thomas Bernhard und das ist Glenn Gould. Und das Zizers bei Chur in der gottverdammten Schweiz. Und Thomas Bernhard schreibt über das Klavier, über Glenn, über Wertheimer, dessen Schwester, über Zizers, über Österreich, über Zizers, über das Klavir, über Wien, über Zizers und auch noch über andere Dinge. "Der Untergeher" ist mit Abstand wohl der faszinierendste Roman, den ich je gelesen habe und selbst jetzt, knapp eine Woche und mehrere Bücher später, lässt er mich nicht los. Und das, obwohl man beim Lesen zwangsläufig verrückt wird. Oder vielleicht gerade weil. Hundert Seiten lang steht der Erzähler in einem Wirtshaus und wartet auf die Wirtin. Hundert Seiten lang betrachtet er die Decke und hundert Seiten lang blickt er im Raum herum, ohne diesen zu beschreiben. Ein "aufgeblasenes Gedanken-Perpetuum Mobile; Ich kenne keinen Autor, der es so vollendet beherrscht wie Bernhard, einen Roman über einige, meist neurotisch-beleidigte, wenige Gedankeninhalte zu füllen, welche sich gebetsmühlenhaft leiernd immer wieder wiederholen." schreibt ein Renzensent im Internet, und eigentlich hat er Recht. Ohne einen einzigen Abschnitt folgt der Leser seinem Gedankengang. Nahezu hundertfach wiederholt Bernhard steriotyp "[...] sagte er, dachte ich", die Sache mit der Schwester des Untergehers, die nach Zizers bei Chur, welch wiederwärtiger Name schon, geflohen ist, gerade noch rechtzeitig. Und dass ihm dann garnichts anderes mehr übrig geblieben ist, als sich aufzuhängen. An einem Baum, vor ihrem Haus. In Zizers. Bei Chur. Salzburg macht krank, Wien macht Krank, Österreich macht krank. Deutschland macht krank, schlechtes Klavierspiel macht krank. Tageslicht, Auftritte, uberhaupt, eigentlich alles macht krank.
Klingt schrecklich - und ist es auch. Und dennoch fasziniert es, denn eigentlich geht es um die Frage: Was ist Leid, vielmehr, was ist hausgemachtes Leid, was ist ein Untergeher? Wertheimer ist der Untergeher, er geht einfach immer unter, ständig. Aber wäre es nicht das größte Leid dieser Menschen, denn man ihnen ihr Leid nehmen würde? Die Welt wollte Wertheimer glücklich machen, aber er hat es geschafft, sich zu wehren. Und als er sich nicht mehr wehren konnte, blieb nur der Baum. Vor dem Haus seiner Schwester. In Zizers. Bei Chur.
Auch wenn man musikalisch völliger Laie ist, die Frage, die Bernhard aufwirft, ist frei portierbar. Wertheimer war zerstört, von dem Augenblick an, als er Glenn spielen hörte. Denn Glenn war einfach besser. Wertheimer hätte einer der Besten Klavirspiler überhaupt werden können, aber niemals besser als Glenn. Und von dieser Sekunde an war er zerstört. Perfektion und absolute Vollkommenheit, kann nur dies das Ziel sein? Für den Erzähler, der sein Klavierspiel aus Protest gegen seine Eltern begann, nicht. Für Glenn stellte sich diese Frage nicht. Für Wertheimer jedoch schon, also geht er weiter unter, verbissen in seinem Streben nach Perfektion, verbissen in sein eigenes Untergehen, von Katastrophe zu Katastrophe. Und es endete dann in Zizers. Bei Chur. Vor dem Haus seiner Schwester.
Das Buch ist ein Buch über Musiker, es bleibt nicht aus, dass das Hauptthema Musik ist. Da es aber nicht um die Musik als solche geht, bleibt das Buch auch für Laien verständlich. Verständlich? Nun, das ist die Frage, es ist unmöglich, keine Meinung zu diesem Buch zu haben. Entweder man hasst es (was durchaus nachvollziehbar ist) oderr man liebt es. Die Liebe allerdings kommt erst nach dem Lesen. Eine absolute Leseempfehlung also, aber nur, wenn man im Anschluss positive Literatur zur Hand hat.













